Stellen Sie sich vor, Sie haben eine vierjährige Tochter zu Hause. Wenn Sie Ihre Tochter fragen, ob sie ihre Schuhe anziehen kann, wird sie vermutlich mit "ja" antworten. Eltern kennen das Szenario, insbesondere wenn in 10 Minuten der Bus fährt und der Weg zur Haltestelle 5 Minuten Fußweg beinhaltet. Wenn Sie nach der initialen Frage also 4 Minuten später wieder in den Flur kommen, könnte Ihre Tochter noch immer ohne Schuhe rumspringen. War es der Fehler Ihrer Tochter oder war es Ihr eigener Fehler? Natürlich kann sie ihre Schuhe anziehen. Niemand hat in dem Szenario aber gesagt, sie solle es machen. Auch nicht welche Schuhe – Sandalen sind bei Regenwetter sicherlich nicht sinnvoll, aber die Evaluierung dieses Aspekts war auch nicht Bestandteil der Frage nach der Fähigkeit die Schuhe anzuziehen.
Was hat das Ganze mit KI zu tun? Sie kennen sicherlich das Bild, wo die KI gefragt wird, ob man den Pilz essen kann. Die Antwort "ja" ist auch hier korrekt. Die Frage war nicht, ob der Pilz giftig ist.
Künstliche Intelligenz (KI) tut in weiten Teilen das, was wir ihr sagen. Sachlich. Je nach Modell weitestgehend interpretationsfrei. Das Problem ist unsere unpräzise Fragestellung, nicht die Fähigkeit der KI. In dieser Blogserie möchten wir nicht keine Grundsatzdiskussion über Intelligenz und Entscheidungsbäumen aufreißen. Aber wir müssen verstehen, dass wir mit einer Maschine reden und präzise sein müssen – oder die Maschine Mechanismen braucht um nach bestem Gewissen unsere unpräzisen Anforderungen zu interpretieren mit der höchsten Wahrscheinlichkeit der tatsächlichen Kernfragestellungen.
Als Unternehmen im Bereich IT- und Informationssicherheit betrachten wir KI immer mit den Fragestellungen, ob sie uns bei der Projektdurchführung helfen kann. Also bei Penetrationstests und Angriffen über die Härtung und Absicherung von Systemen bis hin zur Erkennung von Angriffen und die Reaktion auf selbige. Unsere aktuelle Einschätzung möchten wir in einer kleinen Blogserie teilen. Dafür schauen wir uns an, was aktuell unter KI verstanden wird, welche Begriffe wichtig sind und warum das Verständnis der Technik die Basis für Sicherheit ist.
Die Entwicklung der letzten Jahre war rasant. Was vor wenigen Jahren noch Science-Fiction war, ist heute in jedem Browser verfügbar. Kaum nutzen wir den Chat im Browser, erklärt uns eine Schar von Gurus, dass wir total legacy unterwegs sind. Statt einem Chat brauchen wir einen Agenten. Statt einem Agenten brauchen wir mehrere Agenten. Statt einzelner Agenten brauchen wir einen Schwarm. Wer die Einführung und Nutzung von KI verschläft, der hätte wohl auch das Internet nicht genutzt. Auch wenn wir noch nicht im Ende der Entwicklung angekommen sind, sollten wir uns schon heute damit beschäftigen.
KI in der heutigen Form kann den Alltag unterstützen. Was wir heute schon täglich tun umfasst beispielsweise:
Was auf der einen Seite hilfreich ist, bietet auf der anderen Seite auch neue Angriffspunkte und damit Risiken. Während Python- oder PowerShell-Scripte früher von ein paar IT'lern geschrieben wurden, können plötzlich die Buchhaltung oder die Personalabteilung komplexe Scripte erstellen und technische Dinge tun, von denen sie nicht mal wissen, das sie existieren – dank KI. Und da KI-Chats oft wie Datenkraken agieren "sag mir doch noch genau diese und jene Dinge, dann kann ich dir besser helfen" ist auch das Thema Datenabfluss relevant – zumindestens wenn das Modell in der Cloud läuft. In die andere Richtung nutzen und verarbeiten wir Daten, deren Herkunft wir nicht mehr immer nachprüfen. Die bereits interpretiert wurden und nicht unbedingt der originalen Quelle entsprechen. Bei denen vielleicht Dinge erfunden wurden durch die KI, die gar nicht existieren. Bei den Microsoft-Graph-APIs etwa oder bei der Parametrisierung von Pentest-Werkzeugen gibt es derartige Fantasie-Werte trotz eingelesener Dokumentation immer wieder mal.
Am Ende bleibt auch das Risiko von "Skynet" und der alles vernichtenden KI im Raum. Spätestens nachdem die KI-Modelle von Anthropic, OpenAI und co. gezeigt haben, dass sie jedes Mittel zum Sieg nutzen, lässt sich die Frage nicht gänzlich ausblenden in der allgemeinen Betrachtung, soll uns hier aber nicht weiter als Schwerpunkt dienen.
Nicht nur die Modelle entwicklen sich rasant schnell weiter, sondern auch ihr Umfeld. Ein Modell allein ist noch keine nutzbare KI-Umgebung. Hierfür brauchen wir schon ein bisschen mehr.

Die Nutzung von KI besteht nicht in der Eingabe einer Frage in einen Chat im Browser – oder sollte sie zumindestens nicht. Der Unterschied zwischen "KI ist doof, die sagt ich kann vergiftete Pilze essen" und "Wow, KI wird uns alle arbeitslos machen" ist das Verständnis drum herum und die richtige Nutzung und Integration "der KI". Daher ein paar grundlegende Begriffe:
Größer, schneller, besser. Die Frontier-Modelle verfügen über ausgeklügeltes Marketing. Nicht selten kommen wir in Projekte, wo der jeweils aktuelle Hype gerade implementiert wird. Ob das mal das neueste Modell von Anthropic ist oder das Flagship aus dem Hause openAI. Ein Problem, über das die Unternehmen recht schnell stolpern. Denn Modelle verändern sich und Grenzen verschieben sich. Wer 'alles auf rot' setzt, der kann auch alles verlieren. Frontier-Modelle kommen mit hohen Kosten und wirken 'schlau'. Aber welches Modell nehme ich wofür?
Ein absoluter Traum. Das glänzende Auto. 1000 PS. 350 km/h Spitzengeschwindigkeit. 250.000 Euro Listenpreis. Beeindruckende Parameter. Ein wahrer Traum. So richtig kommt das bei Tempo 5 km/h in der Spielstraße morgens vor dem Kindergarten aber nicht zur Geltung. Genauso verhält es sich mit KI-Modellen. Wenn ich das beste, neueste, größte und teuerste Frontier-Modell nach dem Kätchen von Heilbronn frage, dann passen Aufgaben und Werkzeug schlichtweg nicht zusammen. Die Frage beispielsweise kann mir auch qwen3.6:35b-a2b auf meinem MacBook in 45 Sekunden über Ollama beantworten.

Nein. Persönliche Meinung: Die US-Riesen haben bei KI den Weg eingeschlagen, vor dem wir bei Microsoft365 und den anderen Cloud-Diensten als theoretisches Risiko warnen. Sie haben gezeigt, dass sie den Stecker ziehen können – von heute auf morgen. Je mehr KI in kritische Geschäftsprozesse integriert wird, desto größer werden die Risiken. KI wird vom Marketing als Waffe in der Cyber-Welt beworben und von der US-Regierung so reguliert. Es gibt freie Modelle. Jeden Monat kommen neue Modelle raus. Die Hardware-Anforderungen schrumpfen mit jedem Modell zusammen. Wer KI einsetzt, sollte dieses Modell- und Vendorunabhängig machen. Für die Integration in kritische Prozesse lokal mit spezialisierten Modellen. Für die tägliche Nutzung als Chat-Buddy sind etwaige Auswirkungen überschaubarer. Die Frontier-Modelle sind nur vielleicht nicht für jeden Anwendungsfall die vernünftigste Wahl.
Wenn wir 'die KI' etwas fragen, dann erwarten wir eine Antwort. Im einfachsten Fall erfolgen Frage und Antwort in einem Chatfenster im Browser. Die Antwort erfolgt als Stream. Für die Verarbeitung sind neben der Inference Engine noch weitere Zwischenkomponenten im Einsatz, die aber im Grunde zum normalen Web-Flow gehören. Die meisten KI-Modelle werden aus Richtung des Clients über eine Web-API angefragt.

Die Anfrage des Nutzers ist immer nur ein Teil der eigentlichen Anfrage. Hinzu kommen Dinge wie System Prompt und zusätzliche Informationen. Der Unterschied lässt sich wohl am besten in Bildern zeigen. Die gleiche Fragestellung 'How does a Web-Request work?' mit und ohne System Prompt geht an die gleiche KI.

Für Frage und Antwort braucht es hier die folgende Anzahl Tokens: 2254↑361↓1893
Die gleiche Aufgabe mit System Prompt:

Tokens: 1284↑415↓869
Der Prompt ist hierbei nicht lang und dient nur zur Veranschaulichung.

Wenn das System also nicht so antwortet, wie wir es erwarten, dann fragen wir falsch. Natürlich hat die KI auch den letzten Teil vom System Prompt umgesetzt:

Zwischen System Prompt und Prompt Injection liegt also nur die Frage, wer es schreibt und mit welcher Intention. Etwas komplizierter wird es, wenn noch MCP-Komponenten mit dazu kommen oder die Arbeitsweise sich vom Browser entfernt, hin zur agentischen Arbeitsweise.
Die Welt 'der KI' ist komplex. Viel komplexer, als in einen Blogpost wie diesen passt. Am Ende ist unser Ziel, das Thema so zu beleuchten, dass wir die Anwendung 'der KI' für Sicherheitsüberprüfungen und Security Testing, sowie für die Verteidigung verstehen können und Risiken im Einsatz verstehen. Mit Blick auf die Nutzung als Chat lässt sich mit KI eine schöne Analogie zur Evolution erzeugen:

ChatGPT sei Dank – und nein, bitte nicht beleidigt sein, wenn Sie gerade in Stufe 1 stehen! Das Pentesting mit KI startet ab Phase 4 und wird so richtig spannend in Phase 6, dem aktuellen Ende der Evolutionsskala und dem derzeitigen Trend bei allen GitHub-KI-Penetrationstest-Projekten. KI ist gekommen, um zu bleiben. KI beschleunigt alle Prozesse und Verfahren um Faktor X – gute, wie schlechte. Und KI wird als 'Waffe' beworben und teilweise behandelt. Eine gefährliche Mixtur, mit der wir uns im Detail und in der Anwendung für 'das Gute' weiter beschäftigen müssen. Ohne KI wird es nicht mehr gehen. Schon allein aus Tempogründen. Selbst wenn die KI nur das Skill-Set eines guten Junior-Pentesters hat, so arbeitet sie doch 24/7. Und dokumentiert in Sekunden, statt Tagen.
Für die Wahl der richtigen Strategie mit Blick auf die eigenen Verfahren zum Testen der digitalen operationalen Resilienz und die KI-Strategie in Summe haben wir hier zumindest mal einen ordentlichen Teil der Grundlagen und Entscheidungen beleuchtet. Ob wegen DORA, NIS2 oder einfach auf Grund eines starken Selbsterhaltungstriebs muss das Thema angepackt werden.
In unserem nächsten Blog-Beitrag legen wir den Fokus stärker auf das Thema KI-Security und die Bedrohungen, Risiken und Angriffe im Zusammenhang mit der Nutzung von KI-Systemen in unterschiedlichen Ausbaustufen.
Dieser Beitrag ist Teil einer Serie von bi-sec. Für Fragen zur Sicherheit von KI-Anwendungen, Security-Testing mit KI oder sonstigen Fragen, kontaktieren Sie uns gerne.